„Egon, mach die Grenze auf, es hat keinen Zweck mehr“ – so soll es nach den Worten von Alexander Schalck-Golodkowski zur Öffnung der Mauer am 9. November 1989 gekommen sein

Dass in der DDR und im Ostblock viel in Bewegung war, dass die Diktaturen um ihre Macht kämpfen musste, dass die Bürger Freiheit, Demokratie und Wohlstand wollten, das war seit längerem zu erkennen. Michail Gorbatschow, der mit Glasnost und Perestroika die Sowjet-Alleinherrschaft der kommunistischen Partei zu retten versuchte, hatte bei seinem Besuch in der DDR Anfang Oktober 1989 Erich Honecker und dessen Vertraute zum politischen Abschuss freigegeben. „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“ – das war so deutlich, dass es niemand überhören konnte.

Und seit Monaten hatte es, wie wir später erfuhren, geheime Gespräche von Politbüromitgliedern gegeben, wie mit einer sanften Revolution die völlig marode, am Boden liegende Wirtschaft noch etwas länger über die Runden gerettet werden könne. Alexander Schalck-Golodkowski hat mir einige Jahre später bei einem mehrere Tage dauernden Interview am Tegernsee dazu einiges berichtet.

Einige sahen die Katastrophe kommen – die Stasi hatte in einem Geheimbericht die fast ausweglose wirtschaftliche Situation dargestellt -, andere wie Honecker und sein für die Wirtschaft zuständiger vertrauter Genosse Mittag träumten nach wie vor und gingen vorzugsweise lieber zu Jagd. Die Opposition im Land hatte sich seit Jahren formiert und wurde stärker. Ausbürgerungen, hartes Stasi-Durchgreifen und immer neue Einschüchterungen konnten aber die Entwicklung nur verzögern.

Dennoch – mit dem Fall der Mauer rechnete man an diesem 9. November 1989 nicht. Zu zementiert schien immer noch das SED-System. Wie meist war ich auch an diesem Abend nach Produktion der 2. Ausgabe der WELT, die um 19.30 Uhr des Tages in Druck ging, noch im Produktionsraum.

Dann die Nachricht. Meine Kolleginnen und Kollegen und ich waren wie elektrisiert, jubelten. Wie im Bundestag, wo die Nationalhymne angestimmt wurde, wir hatten natürlich Fernsehen an. Was für ein Augenblick, was für eine Stunde, was für ein Jahr, was für ein Jahrhundert. Die Mauer fällt – woran ich immer geglaubt habe. In meiner Zeit als JU-Landesvorsitzender in den 70er Jahren war es eine Selbstverständlichkeit, dass wir gegen die Mauer und für die Deutsche Einheit demonstrierten.

In der WELT-Redaktion ging es sofort an diesem Abend an die Arbeit, in Deutschland war die erste Stunde auf dem Weg zur Einheit angebrochen. Wie kam es zum Mauerfall? Handelte ein Stasi-Offizier eigenmächtig? Daran glaube ich nicht, das hätte kein Stasi-Offizier gewagt. Viel glaubwürdiger erscheint mir, was mir Alexander Schalck-Golodkowski sagte: Er habe neben Egon Krenz gesessen und diesem am Abend gesagt: Egon, mach die Grenze auf, es hat keinen Zweck mehr. Ich habe Schalck-Golodkowski als einen sehr intelligenten, klugen Analytiker kennen gelernt.

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Werner Kalinka erlebte den Fall der Mauer in der Zeit als Redakteur der WELT in Bonn.

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